Wat’n Leben…

Islamophobie revisited

Verfasst von Ossikopp am 17.12.2007

Beim “Querkopf” Manfred einen wirklich guten Artikel zum Niggemeier-Urteil gefunden, weitergelesen, und dann kam ein unkommentierter Verweis auf einen Artikel der Salzburger Nachrichten, unter der Überschrift So viel zum Thema “Islamophobie”. Der verlinkte Artikel in den Salzburger Nachrichten warnt vor der ‘Unterwanderung des „christlichen Abendlandes“ durch Moslem-Immigranten zum Zweck der Islamisierung Europas’ (wörtliches Zitat, und ziemlich humorfrei ernst gemeint!).

Ich halte vom Islam genausowenig wie vom Christentum und anderen Religionen, und dementsprechend wenig auch von deren religiösen Führern. Aber ein solcher Artikel wie der zitierte ist dermaßen böse verzerrt, dass es für mich gar nicht mehr geht. Islamophobie? Genau! Und mit Artikeln wie diesem wird Islamophobie erzeugt.

Das Kommentieren hole ich hier mal nach, oder korrekter: was der Salzburger Islam-Experte Heinz Gstrein völlig ernsthaft von sich gibt, vergleiche ich mit anderen Quellen im Internet.

Zuerst mal: was für eine Kombination: ein Hintergrundartikel zum Thema Islam, direkt aus der lokalen Zeitung einer höchst katholischen Stadt in Österreich.

Ich habe die Website der Salzburger Nachrichten aus Spaß mal nach Kardinal Meisner durchsucht; das wäre für mich ein christlicher Gegenpart zu einem islamischen Fundamentalisten. Die einzige Fundstelle war leider nur die Erwähnung seiner Anwesenheit bei einer Veranstaltung des Papstes. Dafür gab es dort eine andere Perle: Meisners Chef, Stellvertreter des christlich-katholischen Gottes auf Erden, der in der beschriebenen Veranstaltung meinte, dass die Immunschwächekrankheit Aids von “ihren tiefen Ursachen her” nur über eine Besinnung auf die moralischen Maßgaben von Jesus Christus bekämpft werden könne. Zu diesem menschenverachtenden Schwachsinn gab es von den Salzburger Nachrichten keinerlei kritische Anmerkung. Ist ja auch christlich und nicht islamisch.

Kern des zitierten Artikels ist, dass der “Rat der Religionsgelehrten” der Kairoer Al-Azhar-Universität, einer der wichtigsten Bildungsinstitutionen der islamischen Gesellschaft, jenen Moslems, die als Wirtschaftsflüchtlinge bei der illegalen Einreise nach Europa ums Leben kommen, den Status von “Märtyrern” verliehen hat. Die Salzburger Nachrichten fügen noch hinzu, dass als Begründung “die Ausbreitung des islamischen Weltreichs” angegeben wäre; leider ist keine Quelle angegeben, ich konnte diese Begründung nirgendwo finden (könnte an der Übersetzungs-Unschärfe liegen; ich wäre für eine entsprechende Fundstelle dankbar).

Was bezeichnet der Begriff “Märtyrer”?

Zum Verständnis könnte man sich vielleicht im Zusammenhang mit den erwähnten Ertrunkenen diese Seite ansehen. Dort wird die Frage gestellt, ob die im Tsunami ertrunkenen Moslems, deren Leichen nicht geborgen und religiös korrekt bestattet werden konnten, einen unehrenhaften Tod hatten. Antwort: in der Scharia gelten Menschen, die in solchen Katastrophen sterben, als Märtyrer.

Ein anderes Beispiel: die BBC berichtet, dass 217 Passagiere eines während des Fluges von den USA nach Ägypten abgestürzten Linienflugzeugs vom geistlichen Oberhaupt der Al-Azhar-Universität, Said Muhammad Tantawi, als Märtyrer bezeichnet wurden. Ein Kleriker sagte dazu, dass alle Opfer als Märtyrer betrachtet würden, weil sie wie in einem Krieg “in großer Angst” gestorben wären. Zu den gestorbenen ca. 30 Offiziere unter den Passagieren, sie waren auf dem Rückflug von einer Ausbildung in den USA, sagte ein Brigadegeneral: “Im Islam gilt jeder, der für sein Land stirbt, als Martyrer; die Offiziere waren auf einer Dienstreise, also starben sie im Dienst”.

Könnte es sein, dass hier die christliche Bedeutung des Begriffs “Märtyrer” den Blick feindlich macht?

Said Muhammad Tantawi wird im Artikel kurz und prägnant charakterisiert. “Tantauwi hatte schon früher in Sachen Selbstmordattentäter den Standpunkt vertreten: ‘Wer sich mit Sprengstoff bepackt in die Luft jagt und dabei Feinde tötet, hat als Märtyrer zu gelten, dem Allah die Freuden des Paradieses zuteil werden lässt.’” (in Deutschland heißt so etwas typischerweise “süß und ehrenvoll ists, fürs Vaterland zu sterben” bzw. “Gott mit uns”).

Als einziges Zitat ist das eine böswillige Verzerrung. Da müsste man genauso bringen, dass Tantawi in der Washington Post unterscheidet zwischen einerseits Jihad als Verteidigungsmaßnahme, die nur ergriffen werden darf, wenn Moslems angegriffen werden, und auch dann nur nach strikten Regeln, und andererseits Irhab (”Terror”) als Gewalt gegen unschuldige und wehrlose Zivilisten, die vom Koran genauso ausdrücklich verboten sei wie die Schädigung (”harming”) von Gefangenen oder die Zerstörung von Gebäuden und zivilen Zentren.

Man könnte auch bringen, dass Tantawi im selben WP-Artikel die Anschläge vom 9.11. weit eindeutiger verurteilt als ein durchschnittlicher US-Bürger den “Rachfeldzug” in Afghanistan und Irak.

Aber das passt wohl nicht in den “Spin” des Artikels.

In Ägypten, so die Journalistin Noha El-Hennawy aus Kairo in einem Blog der LA Times, herrscht der allgemeine Eindruck vor, dass die obersten religiösen Führer (von denen Tantawi der alleroberste ist) eine Version des Islam fördern, die der Regierung genehm ist. Das sollte für uns nichts neues sein: die Bertelsmann Stiftung hat gerade “die erste internationale Umfrage zur Religiosität” in den Medien verbreitet - eine Fragestellung in der Selbstdarstellung des Projektes heisst “Welche Bedeutung hat die Religion für die Stabilität der Gesellschaft?”, eine Aufgabe des Projektes lautet “Das Projekt entwickelt Konzepte, Empfehlungen und Handlungsstrategien, die die neue gesellschaftliche Bedeutung religiöser Orientierung in praktische Beiträge zur gesellschaftlichen Ordnung und zur Gesellschaftspolitik umsetzen.” - dasselbe in grün, aber zum Glück (noch) weit weniger schlimm als in Ägypten.

Der im Artikel als “einzig standhafter Geistlicher” präsentierte Scheich Ali Gomaa wird übrigens gerade von Intellektuellen und Nichtreligiösen scharf kritisiert, berichtet Noha El-Hennawy weiter. Seine Darstellung, die Ertrunkenen hätten sich “wegen Gier und Ehrgeiz” selbst in die Gefahr begeben, wird allgemein als Ablenkmanöver eines staatsfinanzierten Geistlichen betrachtet, um Kritik von der Regierung abzuwenden - Kritik an einer Regierung, die verzweifelten Jugendlichen keine echten Jobmöglichkeiten bieten konnte.

Lieber Heinz Gstrein (falls Sie dieses lesen): schreiben Sie doch mal was über Sankt Pölten und die christliche Rettung des Abendlandes. Fänd ich interessant.

Möge Ihre Wasserspülung stets funktionieren -
in aufrichtiger Verachtung

Ossikopp

(PS - die Grußformel ist ein literarisches Zitat, damit Sie das nicht missverstehen. Der Autor ist Ihnen fremd und wird es auch bleiben, nehme ich an)

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